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beginnen

I

heute abend werde ich beginnen
mit der stille des wassers

wie es tropft. von blütenblatt zu blütenblatt
regen – noch vor unserer zeit

ich werde auf einer brücke beginnen
über dem fluss. der seine
quelle sucht

meine tasche. angefüllt
mit unverbrauchten stunden

heute abend werde ich beginnen
mit der leeren seite. die du
bewohnst

mit meinem atem. der sich
führen lässt –
von deinem

II

vielleicht vergaßen wir. dass einsamkeit
nur nach jemanden sucht mit dem sie
gemeinsam klagen kann

beginnen. endlich beginnen
& die blender im herzen
ignorieren

III

heute abend werde ich beginnen

trotz meiner unbeholfenen worte
trotz des lebens. das mit dem wind davon zu schweben scheint
trotz der wolken. die alten kummer über den himmel streuen

ich werde beginnen & an eine liebe glauben
die allen schmerz überstanden hat
so wie dieses gedicht  –

wie es sich vom ersten wort an erinnert
an das, was bestand hat

so wie dieser fluss. der unablässig
durch unsere hände fließt

so wie Rodin´s liebende sich
eng & verzweifelt umarmen

& dabei von Gottes hand
gehalten werden

© Rea Revekka Poulharidou

wahr

es ist wahr. die kürzeste strecke zwischen zwei punkten
ist nicht immer eine gerade linie. auch nicht zwischen uns

es ist wahr. unsere worte sind zu leicht
selbst die schwerkraft hält sie nicht am boden

wie sieht liebe aus?
ab und zu leuchtet sie auf. ein blitz

und hält doch das herz
in der brust

es ist wahr. wir bauen mauern
aus unseren ängsten

doch wir entscheiden auch, ob die liebe
davor bleibt oder herein kommt

es ist wahr. der wind verfängt sich in den bäumen
es ist wahr. unsere spuren holen uns ein

lesen den wasserstand. entscheiden, ob der wasserpegel sinkt
oder der fluss erneut das land überschwemmt

zeichen. wir können sie lesen
wie es uns beliebt

hier sind meine schuhe
angefüllt mit dem gestern heute morgen

meine silben sind luft
die sprache entschleiert

es ist wahr. in der wüste
ist dein atem dein traum

er bringt leben. wenn du entscheidest
alles zu lieben, was du erschaffst

© Rea Revekka Poulharidou

es war einmal krieg

durch den stacheldrahtzaun
schlich sich die nacht

der mond blutverschmiert
zerfetzter wolkenkranz

mancher versteckte sich
hinter parolen

an welchem ort das geschah?
nimm diesen oder jenen. es ändert sich nicht viel

an manchen tagen wanderten die schatten
vermisster freunde über den hof

männer standen um atemwolken
so viele leere räume in ihren herzen

der himmel war verloren
hoffnungslos

wahrheit. sie hoffte wie ein
flutüberlebender auf dem hausdach

nach dem letzten schuss blieb die kugel
in der luft stehen. für jahrzehnte

das alles könnte auch der junge dort erzählen
er spielt ball. in dem hof. den es nicht mehr gibt

unter den steinen liegen geschichten
es war einmal krieg

sie denken
alles sei vorbei

© Rea Revekka Poulharidou

was du dir wünscht

dich umgibt alles. von dem du dachtest
es sei nötig

ein gesicht. ein raum. ein bild

allem gabst du namen
jetzt rufen sie nach dir

doch was du dir wünscht
bleibt namenlos

es berührt dich nachts. verschleiert
in deinen träumen

du öffnest die arme. das herz
lässt sich fallen

aufgewacht erinnerst du dich an nichts
der traum jedoch erinnert sich an dich

er ist da. den ganzen tag
wie ein same in der erde
wie die sonne mitten
in der nacht

© Rea Revekka Poulharidou

lyrikvorlesung

wir lasen gedichte
stapelten bücher vor uns auf

die köpfe in den seiten versunken
oder den blick aufwärts gerichtet

lasen uns vor. hörten
gefangen im wie. übersahen das warum

dein gesicht –

du runzeltest weder die stirn
noch nicktest du

undurchschaubar
kerzengerade

eine anwesenheit wie die eines steins
als dächte der stein

alles was ich nicht sage
bin ich

© Rea Revekka Poulharidou

wenn liebe

wenn liebe dich ruft
wirst du lieben
mit allem

mit lungen und kiemen
mit warmen und kaltem blut
mit federn und schuppen

du wirst dir wünschen
unter dem blätterdach des waldes
mit den trillernden vögeln zu atmen

während deine flosse noch immer
unter wasser schlägt

du wirst versuchen deinen körper
an land zu schleppen

obwohl dich wellen hin- und
her werfen &

für einen moment
erstickst du an beidem

an luft &
an wasser

wenn liebe dich ruft
wird alles was du dachtest

zu können &
zu wissen

nichtig

© Rea Revekka Poulharidou

schaltsekunde

zeitungen berichten wissenschaftler haben
unserem leben erneut eine sekunde dazu addiert

wie viele solcher sekunden häuften sich bereits an?
was tun mit dieser ganzen zeit?

der regen schwemmt das trockene laub fort
fische steigen an die oberfläche. durchbrechen sie aber nicht

ein mann versucht mit einem netz
das reflektierte licht zu fangen

in dieser zeitung findest du alles womit du
die zusätzliche sekunde füllen könntest

aber nicht. wie sich die zeit manchmal versteckt
als sei sie im kokon einer seidenraupe eingewoben

es sind die besonderen momente in unserem täglichen leben
so unwirklich wie der aufgewirbelte wind in den kirschblüten

eingeschlossen in einer dieser extra sekunden

wie ein brief in der hand
wie ein kuss in einem wort
wie dein atem in meinem

© Rea Revekka Poulharidou

worum es geht

worum es geht - Briefgedicht von Rea Revekka Poulharidou

worum es geht (26)

wie oft wird die wahrheit entstellt
nur um sie erträglich zu machen?

die nachrichten sind voll davon

ich wünschte. kein neugeborenes
müsste mehr diesen horror sehen

eine rose verwelkt. eine andere erblüht

jedes kriegsdenkmal versucht zu sagen
was nicht gesagt werden kann

unsere lager sind voll. mit gefühlen
selten berühren wir sie

manchmal zittert mein schatten
ohne mich

manchmal fällt das morgen
auf gestern

doch darum geht es jetzt nicht

worum es geht. hat mit den augen zu tun
die sich abwenden

wieso wiegt eine träne nur mehr
als die ganze welt?

© Rea Revekka Poulharidou

dieses kleine detail

jeder gipfel ist ein krater
das ist das gesetz der vulkane

keine höhe ohne tiefe
ohne brennenden kern

mit dir möchte ich jeden vulkan besteigen
deine hand halten. deine glühenden adern spüren

die kleine juwelengleiche blume wahrnehmen
dort am wegesrand. unbekannt und namenlos

wie sie sich am alten verwitterten felsen
festklammert

dieses kleine detail außerhalb von uns selbst
das uns zu uns selbst bringt

das vor uns da war und wusste
dass wir kommen. und alles

jenseits von uns
sieht

© Rea Revekka Poulharidou