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liebe verstehen

ich stelle mir vor, wie du
der beginn dieses gedichts bist

ich stelle mir vor. wie der regen es
an dein fenster schreibt

wie deine haut den duft
der erde atmet –

liebe verstehen

es genügt nicht
die wertvollsten gärten unserer hoffnung
in den himmel zu säen

es genügt nicht
die zukunft aus der blüte
einer rose zu lesen

liebe verstehen

in der art wie dornen
ihre rose beschützen

nicht zulassen. dass der mond
seinen schläfrigen kopf
auf unser dach legt

& unsere worte
im nachthimmel
verglühen

ihnen folgen. wo immer sie auch hinführen
alles hören. wie den pfeil
bevor er trifft –

unser herz schälen
schicht für schicht

sehen
was darunter
liegt

herz
unter
herz

© Rea Revekka Poulharidou

zeit

wenn ich meine hände
nur lang genug betrachtete

würde ich sehen wie sie sprießen
haarfeine wurzeln

aus den knochen
aus den fingern –

doch stattdessen
sehe ich nach oben

mein gesicht 10 jahre älter
seit der letzten nacht hier

nichts hat sich verändert

über dem berggipfel
fängt ein falke erstes licht

lang bevor es die augen erreicht
ich will sie schließen & warten

es ist noch zeit
zeit

ich kann sie noch öffnen
wenn ich will

© Rea Revekka Poulharidou

nachtspaziergang

ein großer goldbrauner falter
mit je einem auge auf jedem flügel
schläft. im herzen einer sonnenblume

ab und an bewegen sich seine fühler. kreisen –
er & ich sind allein. auf dieser kaum beleuchteten straße

seine fühler. vielleicht bewegt sie der wind
oder meine anwesenheit. die er in seiner
entrücktheit wahrnimmt

unfähig sich zu entscheiden ob jemand
wirklich hier ist oder nicht. verbunden

mit einem völligen desinteresse. da er ihn
gefunden hat. seinen goldenen tempel
mit den millionen räumen

dämmerung. blau in der ferne
es hellt auf –

bald ist sie vorbei
die nacht

& ich möchte
dies alles nicht beenden

letztlich gehe ich zurück
ins haus.

betrachte dich. sehe

wie sich die goldenen blütenblätter
deiner augen bewegen. kreisen
sich öffnen

weite pupillen
begegnen einander
unentschieden

wer oder was wir
wirklich sind

© Rea Revekka Poulharidou

weg

der weg einwärts ist immer länger
als der weg auswärts. auch wenn es
derselbe ist

ich möchte einen alten weg finden
einen weg des alten jahrhunderts
überwachsen & kaum erkennbar

ich will ihn im süden haben
einen mauleselpfad
in den bergen

oleander
wilde früchte
thymian überall

olivenbäume
auf dem weg

warmes licht lobeerbüsche
klatschmohn

der pfad führt bergab
ich folge ihm

er führt hinab &
verschwindet

ich folge
ihm

© Rea Revekka Poulharidou