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wahr

es ist wahr. die kürzeste strecke zwischen zwei punkten
ist nicht immer eine gerade linie. auch nicht zwischen uns

es ist wahr. unsere worte sind zu leicht
selbst die schwerkraft hält sie nicht am boden

wie sieht liebe aus?
ab und zu leuchtet sie auf. ein blitz

und hält doch das herz
in der brust

es ist wahr. wir bauen mauern
aus unseren ängsten

doch wir entscheiden auch, ob die liebe
davor bleibt oder herein kommt

es ist wahr. der wind verfängt sich in den bäumen
es ist wahr. unsere spuren holen uns ein

lesen den wasserstand. entscheiden, ob der wasserpegel sinkt
oder der fluss erneut das land überschwemmt

zeichen. wir können sie lesen
wie es uns beliebt

hier sind meine schuhe
angefüllt mit dem gestern heute morgen

meine silben sind luft
die sprache entschleiert

es ist wahr. in der wüste
ist dein atem dein traum

er bringt leben. wenn du entscheidest
alles zu lieben, was du erschaffst

© Rea Revekka Poulharidou

ich komme zu dir

stürmischer himmel
aus grünem marmor

stockender verkehr. karawane aus licht
scheibenwischer. als seien sie uhrzeiger

gedichte auf dem beifahrersitz. von fried
daneben eine blume. rot

du fliegst mir entgegen. in der dunkelheit
öffnest mir den himmel

ich denke an achmatowa und modigliani
unter ihrem schwarzen regenschirm

sie lesen verlaine
im jardin du luxembourg

all ihre sprachen
russisch italienisch französisch

doch in ihrem liebeswerben
sprachen sie mit rosen

worte genügten nicht für das
was sie einander sagen wollten –

nie möchte ich diese freude verlieren
dir dort zu begegnen. wo du mich erwartest

bald stehe ich an deiner haustür
triefend nass von sehnsucht

meine kleidung vollgesogen
mit grünem regen

einer neuen hoffnung
die aus uns erwächst

© Rea Revekka Poulharidou

wie aus dem nichts

und dann geschieht es. wie aus dem nichts
während du die tür zum büro öffnest oder du

den überdimensionierten einkaufswagen durch die
mit 100 nudelsorten voll gestellten regale schiebst

und dich ein mann um einen euro fragt während
sich der wind draußen mit einer leeren tüte verbündet

es geschieht. wie aus dem nichts
dass du denkst. durch die scheiben

eines irrenhauses zu sehen –

liegt es am schatten, der diese stunde verfolgt oder
am mond, der mit der straßenbeleuchtung spielt?

du fragst die wolken. doch sie sind in gleichgültigkeit gehüllt
gebäude sehen weg. und der himmel jammert

dann geschieht es. wie aus dem nichts
dass alle deine worte davon fliegen

aufgeschreckt von einem
kurzen augenblick

© Rea Revekka Poulharidou

stört es dich. wenn ich rede?

die nächte werden wieder kälter.
wie es die nächte waren. damals
anfang frühling.

wir sind wieder allein.
ein grund mehr
für stille

stört es dich. wenn ich rede?

im garten drüben
geht der vollmond auf

wie viele davon erlebten wir
nicht mehr gemeinsam?

als im früjahr die sterne leuchteten
verhießen sie endlose zeit

schneeglöckchen öffneten und schlossen sich
ahornsamen rotierten in einer ewigkeit zu boden

der mond ging über der birke auf
weiß auf weiß –

und dort wo sich der stamm teilt
wiegten sich narzissen im mondlicht
silbergrün

wir sind weit gegangen – richtung ende
nächte – manchmal weiß ich nicht
was es bedeutet – das ende

ist es nicht so, dass
sich in der stille

ende & anfang
finden?

© Rea Revekka Poulharidou

schaltsekunde

zeitungen berichten wissenschaftler haben
unserem leben erneut eine sekunde dazu addiert

wie viele solcher sekunden häuften sich bereits an?
was tun mit dieser ganzen zeit?

der regen schwemmt das trockene laub fort
fische steigen an die oberfläche. durchbrechen sie aber nicht

ein mann versucht mit einem netz
das reflektierte licht zu fangen

in dieser zeitung findest du alles womit du
die zusätzliche sekunde füllen könntest

aber nicht. wie sich die zeit manchmal versteckt
als sei sie im kokon einer seidenraupe eingewoben

es sind die besonderen momente in unserem täglichen leben
so unwirklich wie der aufgewirbelte wind in den kirschblüten

eingeschlossen in einer dieser extra sekunden

wie ein brief in der hand
wie ein kuss in einem wort
wie dein atem in meinem

© Rea Revekka Poulharidou

liebes/leben

was bleibt. wenn eine liebe scheitert?
ungesagtes. disteln. gebrochene flügel

mit einer plötzlichen lächerlichkeit siehst du alles verpasste
und es gibt noch so viel. was du wissen möchtest

was kann uns nicht mehr genommen werden?
was träumst du in den nächten deiner einsamkeit?

erzähl mir unsere geschichte –
waren wir liebevoll zärtlich ehrlich zueinander?

kapitulierten wir. weil wir nicht weiter wussten?
was ist die erkenntnis? was nun?

möwen halten über dem see eine versammlung ab
hinter dem wald geht der mond auf. und ich

stehe auf einer wiese zwischen schafgarbe
hagebuttensträuchern und kompassrose

hier gibt es 12 lehrpfade über blütenpflanzen
viel zu lernen. selbst in dieser blindheit

wir hungern nach stille und gesprächigkeit
während sich das leben um uns ausbreitet

die luft duftet nach reifen pfirsichen
leuchtkäfer zünden ihre botschaft an:

lass uns zueinander finden. lass uns erinnern
wie wir uns berührten. bevor es zu spät ist

© Rea Revekka Poulharidou

zehn menschen

zehn menschen - prosagedicht von Rea Revekka Poulharidou

zehn menschen

(München)

manchmal lasse ich meine gefühle im spiegel
zurück. damit sie der nächste sieht

der tod hat urlaub steht auf dem filmplakat
eine lüge. seine beißzange greift nach jedem

es gibt so viele wege zu sterben

jeder betet für etwas. wenn auch nur dafür
für nichts mehr beten zu müssen

die möwe über mir. beobachtet mich
als wolle sie etwas fragen

wir alle haben antworten auf fragen
für die uns die worte fehlen

vögel sangen gestern. die ganze nacht
für etwas. das wir bald zur seite legen

zehn menschen. erschossen

der wind weht verzweifelt durch das gras
bäume verlieren ihre rinde

schnecken verlassen ihr haus
und das herz. wandert aus

in eine undurchdringliche
wüste

© Rea Revekka Poulharidou

wer hört uns, wenn wir reden?

wie lange singt das rotkehlchen bereits
während ich darüber nachdenke
was du sagtest?

sein rufen kommt vom garten gegenüber
verwildert ist er schon seit jahren

der gesang wird zum ende hin langsamer. als sei
sein anfang zugleich der beginn eines verlusts

so oft erscheint vieles einfach und reicht doch nicht aus –
wir driften auseinander. zwei boote in derselben strömung

ich will glauben, dass immer jemand hört
solange wir reden.
nichts ist jemals zu ende

entfernung erkennen wir erst dann
wenn wir die hand ausstrecken
ob zum trost. ob aus liebe

so viele worte – dabei will ich nur eines sagen
ich bin hier. und

ich schreibe gegen den beginn des verlusts an
schreibe gegen das drohende schweigen an

indem ich das lied dieses unglaublichen vogels bemühe
nur um zu sagen, was es hieße. wenn wir gehen

© Rea Revekka Poulharidou

alle 5 minuten

alle 5 minuten, Gedicht von Rea Revekka Poulharidou


 

der wind fühlt sich weich und warm an –
wie die luft um den pinsel des malers,
der draußen am strand das rauschende meer malt.

sanfte gitarrenklänge wehen heran.

es liegt eine leichte wehmut in der luft. spiralförmig windet sie sich in den abend.

rotgoldenes licht zeichnet die baumwipfel weich.
erste sterne knöpfen den himmel auf.
fledermäuse sprenkeln die dunkelheit.

alle 5 minuten möchte ich dir schreiben. dir jeden augenblick beschreiben.
dir sagen, wie ich es hasse, dass du so weit weg bist und
wie sehr du mir fehlst –

umso mehr dann,
wenn hier alles so schön ist

© Rea Revekka Poulharidou

erinnerungen

es schneit wieder. äste durchadern die nacht
tinte spritzt auf meine hand. als ich die schreibfeder aus dem kiel löse

erinnerungen schlagen sich auf den fensterscheiben nieder
und du bist unzählige kilometer oder worte entfernt

das licht im raum. gleißend hell. die ganze nacht bereits –
ein versuch. dass nicht ein zu viel an gefühl aus den ecken kriecht

da ist ein blinder fleck in der mitte des auges. der kummer, den du spürst
angesichts des verlusts trotzdem so sehr zu lieben. oder trotz der kraft der liebe. zu sterben

alle diese worte – erinnerungen. blitzlichter. flackern über wände
während die nacht über die dächer kriecht und das herz verbrennt

was wir einander hätten sagen sollen. wartet mit den insekten auf den frühling
draußen umarmen straßenlaternen einen abwesenden himmel

ich verstehe die sprache des winds nicht mehr. mein herz tappt blind
am bordstein entlang. straßenräuber warten bereits an der kreuzung

in der reinheit des schnees werde ich später spuren hinterlassen
ein paar schuhe in der einen hand – eine atmende hoffnung

in der anderen

© Rea Revekka Poulharidou