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geheimnis

pflanzen unterhalten sich in einer geheimsprache, die wir nicht kennen
kolibris sehen rottöne, für die wir keine worte haben

vielleicht ist alles, was wir sagen oder sehen, nur ein hinweis auf etwas verborgenes

für milliarden an sternen haben wir keine namen
das universum dehnt sich aus. in einen raum, den wir nicht kennen

vielleicht gibt es worte, die nur darauf warten, dies allem eine stimme zu geben

unsere welt wurde zur hälfte von menschen geschaffen, die uns kennen
doch in uns gibt es eine andere welt. und darin weitere welten. dort sind wir unterwegs

dieses geheimnis verstehen, heißt das geheimnis der sonnenblume verstehen
wie sie das morgenlicht kennt und dennoch den kopf weiter reckt. dem weg zur sonne folgt

das leben – als sei es ein schwebender stern zwischen zwei welten

daher leben liebende wortlos. in jedem atemzug des anderen
daher reden sie jeden moment miteinander. in ihrer stille

das ist das geheimnis

male deine eigenen ziffern auf die uhr
lass deinen stern zwischen den gärten des mondes und denen der sonne schweben

als seien sie die worte, die du nie sprachst
aber schon immer hörtest

© Rea Revekka Poulharidou

ende & anfang

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne
(Hermann Hesse, aus „Stufen“)

jeder tod birgt ein geheimnis.
aus dem ende neu beginnnen

all das versuche ich. seit jahren
mit meinen zeilen

doch manchmal fransen meine worte. an ihren enden aus
manchmal brennen ihre dochte nieder

ihre bilder werden dann zu jenen geistern oder engeln
die wir gerade noch aus dem augenwinkel erhaschen

eine wirklichkeit. die nicht bleibt. oder geht
sie schwebt über der oberfläche

wie chagalls liebende
ummantelt von wind

aus dem ende neu beginnen. dafür braucht es
nur eine zeile. die sich selbst zukunft verspricht

schau. der sperling hat gerade den halm aufgepickt
den du ihm für sein nest hinlegtest

© Rea Revekka Poulharidou

wolken

wolken

über nacht zogen die wolken weitere zwanzig meter näher
so wie sie es jede nacht tun
seit acht wochen

sie sind jetzt kaum einen steinwurf entfernt

sie beugen sich über uns
gesichter, als lägen sie
hinter rauch

gedanken eines verwirrten geistes sehen so aus

sag mir. dass sie nichts gegen uns haben
dass sie aus reiner neugierde kommen
nur um nochmal nachzusehen. ob wir
füreinander geschaffen sind

wenn dem so ist. warum öffnen sich die türen so schwer
als lehnte sich jemandes traurigkeit dagegen?
warum verdunkeln sich die fenster und
beugen sich die bäume. wenn
der wind nicht weht?

das gelegentliche donnern kommt von einem flugzeug

– ich erinnere mich an eine zeit
in der ich dir das geglaubt hätte

aber die dunkelheit hält bereits zu
lange an. und immer wieder denke ich
dass es bald keinen grund mehr gibt
an diesem ort zu bleiben

wo die erde wasser ist
und es so schwer ist
etwas zu finden. um

mich daran fest zu halten

© Rea Revekka Poulharidou

frühling im winter

an der stelle

wo eine fahrradklingel den träumer weckt
er die augen öffnet und sich
am strand liegen sieht
allein

sehe ich vom buch auf
aus dem fenster

berge drehen mir den rücken zu
gehen dem abend entgegen

lang sehe ich ihnen hinterher
folge ihnen. winke mir zu

als ich mich wieder der geschichte zuwende
sind die seiten dunkel

wie soll ich dir erklären
dass mir äste zweige blätter aus

rippen und mund wachsen
rufe rascheln gezwitscher

es wird frühling
im winter

vögel bauen nester
singen

du tschiep
du

© Rea Revekka Poulharidou

resonanz

sonnenuntergang. lodernde hieroglyphen auf dem wasser.
der mond enzündet lichtpunkte in deinen augen.

eine windböe windet sich um bäume und straßenlaternen.
meine stimme. ausgehöhlt von einer unsagbaren einsamkeit.

wetterleuchten. blitze bahnen sich durch die nacht.
was ich liebe nenne flackert wie eine kaputte neonröhre.

immer mehr dieser dinge leuchten auf.
resonanz nennen es die wissenschaftler.

resonanz. das mitschwingen einer saite.
wenn ein gleichgestimmtes instrument ertönt.

ein flugzeug durchbricht die schallmauer. das echo eines kuckucks im wald.
und mich schaudert bei dem gedanken. an ein leben ohne dich.

ein schiff verschwindet in der ferne. sein kielwasser
durchzieht noch immer das wasser.

vielleicht ist gefühl aus resonanz beschaffen.
phantomschmerzen plagen meine liebe.

das wetterleuchten hat aufgehört.
der wind lehnt sich an einen ast.

ich sehe kleine details.
ein rosenblatt ein rotweinglas einen briefumschlag.

ich stelle mir vor. wie die zeit vergeht
bis es eines tages heute ist, bis es

jetzt ist und du mich
wortlos berührst

© Rea Revekka Poulharidou

halt mich

nimm meine hand. halt mich
ich werde dir alles erzählen. nichts verheimlichen
lern mich kennen. ich erzähle dir. alles

ich denke gerade an weiße segel unter einem himmel aus musik
kreisende möwen. ein arm um mich. um dich

lern mich kennen. alles. von mir
ich mag kerzen am abend. leise gedichte
ich mag das licht. hinter den wolken
angst hatte ich. in meinem leben

ich möchte dir nahe sein. die augenblicke meines tages. in die sekunden deines tages weben

gestern war ich auf einer belebten straße
morgensonne. viele menschen
keiner sprach

nimm meine hand. halt mich
sag ein wort

© Rea Revekka Poulharidou

notiz

deine berührung schwebt
noch immer über dem ufer

jede welle trägt vergangenes heran.
die wahrheit ist noch immer da. mit ihren versteckten klippen.

heute rasten unsere stimmen auf den bäumen
alles wurde zum echo. oder schatten

dein schatten steht auf der anderen straßenseite
dein schatten sitzt im vorbei fahrenden auto
deine worte fließen zum schatten
der meinen ersetzte

wohin gingen wir. wie kamen wir hierher?
vergangenes wühlt in mir. alte wahrheiten fallen von den ästen.

manchmal denke ich. auch die seele ist ein schatten
sogar die schwerkraft berührt ihn nicht

und liebe. liebe ist, was im spiegel geschieht
während wir nicht hinsehen

© Rea Revekka Poulharidou

treibholz-gedanken

niemand sieht das, was der andere sieht.
es ist wie mit einem stück treibholz, das du aufhebst. es aber keines ist.

irgendwann standen wir an zwei sich gegenüber liegenden küsten.
du dort ich hier. wie kamst du dorthin. wie ich hierher? ich weiß es nicht mehr.

erinnern kann ich mich, dass leid und schmerz zwischen uns trieben.
das herz ist von solchen linien durchpflügt.

ob treibholz etwas symbolisiert?
nein. das tut es nicht.

in kürze geht der mond auf. wie immer.
der himmel streut dann ein paar sterne aus.

grillen werden zirpen. in einer sprache.
die keiner versteht.

es gibt einen unterschied
zwischen dem klang des mondes und dem der sonne

den meisten ist das egal
sie hören nur das hörbare

was ich dir sagen will
das ist ein liebesgedicht

wenn du es
siehst

© Rea Revekka Poulharidou

in zeiten wie diesen

um ehrlich zu sein. ist der tod, den ich morgens sehe
die liebe, der ich nachts den mantel reiche

um ehrlich zu sein. verschwindet das leben aus der hintertür
sobald ich ankomme

jetzt. genau jetzt, wo ich dir das erzähle und nach etwas würde unter dem himmel suche
lege ich die nachricht nieder. über 71 erstickte menschen. in einem lkw

um ehrlich zu sein. scheint die liebe genauso ausgestorben
wie die tiere auf den höhlenmalereien. in spanien

um ehrlich zu sein. gibt es keinen ort auf dieser erde. der uns braucht
alle unsere unsterblichen themen. sitzen mit wolldecken über den knien. vor unserer tür

aber wer will das schon hören. statt dessen suche ich nach den richtigen worten
wie nach einem schlüssel unter der türmatte

ich wünschte. ich könnte schreiben, dass das kleinkind auf dem schlauchboot
nicht in den armen seiner mutter ertrank

es gibt so viele dinge. die zu schrecklich sind. sie zu beschreiben

und ich möchte dir sagen. dass ich trotz allen wahnsinns deine seele küsse

dass ich nach wie vor mit so viel liebe angefüllt bin. so viel unvernünftiger. törichter liebe

dass ich denke. wir sollten ein zeichen setzen
und uns in zeiten wie diesen
verlieben

© Rea Revekka Poulharidou

eine andere stille

es gibt zeiten, in denen das herz das eisengitter herab lässt und alle tore fest verschließt.

mancher sucht nach einem schlüssel. er findet keinen und geht.
mancher möchte das gitter aufbrechen. rüttelt daran und geht.

alles, was noch drinnen ist, gewöhnt sich an die dunkelheit:
uhren bleiben stehen. tage kennen kein datum. töne verlieren ihren klang.

unter dem tosenden lärm des fortstrebens
geht diese stille unter.

nur ein paar vögel senken bekümmert den kopf.
wetzen täglich am gitter ihren schnabel

© Rea Revekka Poulharidou