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zeiten, enden und die sanduhr

die kerze brennt herunter. bis in den sand
erste sterne lösen den tag ab

enden schälen sich aus der nacht
legen sich auf unsere augen

es gibt zeiten, in denen sich deine stimme
in meinen träumen hin und her wälzt

er ist nicht mehr blind. nicht mehr taub
der himmel

es gibt zeiten, in denen die sterne in den nächten leuchten
um am schluss, doch nur ein leuchtkäfer zu sein

zeiten, in denen es scheint, es gäbe kein ende
für das, was unsere herzen an ihre wände schreiben

zeiten, in denen wir einander ansehen und aufhören wir selbst zu sein
es gibt zeiten, in denen sich deine worte mit dem himmel verbinden

es gibt zeiten, in denen die liebe so kompliziert wird und
wie ein mauersegler in der luft kreist. entscheidungslos, wo zu landen

es gibt so traurige enden. ihre schatten schleifen über dem boden
ihr himmel. untröstlich

es gibt so traurige enden. ausgetrocknete flüsse. ruinen.
enden. enden. unablässiges echo

gib nicht auf
jedes ende ist eine sanduhr mit zahllosen türen

es gibt zeiten, in denen ich spüre, wie du nach mir suchst
in denen ich lese, was auf den fernen sternen steht

zeiten, in denen ich fast außerhalb der zeit stehe

und entscheide

mich unter einen wasserfall an worten zu stellen. die du nie sagtest

es gibt zeiten wie diese. in denen hinter dem ende türen erscheinen
zeiten, in denen ich so untröstlich glücklich bin

© Rea Revekka Poulharidou

ich schreibe dich

die lichter auf den hügeln sprachen die ganze nacht eine fremde sprache.
als ich zurück kehrte fand ich ein geknicktes blütenblatt auf dem papier.
es muss deins sein.

der vogel am fenster erschrickt über mein seufzen. er lässt ein paar körner auf das sims fallen bevor er fortfliegt.

der wind zieht sich am gras hoch. dieser morgen scheint aus einem anderen jahrhundert zu stammen. nie war ich so allein. nein, vergiss das. sagen wir es so – ich bin ein spiegel in einem leeren raum, in dem sich die zeit wiederholt.

nicht fern von hier sah Galileo zu den sternen. sie waren unsichtbar.
liebe. unsichtbare umarmung. nimmer endende zärtlichkeit.

heute kehrst du mit der stimme einer möwe zurück.

etwas

eine frau kommt näher.
sie möchte mir etwas sagen. doch
die menschenmenge zieht sie mit sich.
die ganze nacht spüre ich ihre gegenwart.
denke nach. über das gespräch. das nicht statt fand.
in ihm lagen berge, wälder, vögel, ein weiter fluss.
auf dem fluss schippert jetzt ein floß.
auf dem floß sitzt eine spinne.
nach etlichen jahren legt das floß am ufer an.
eine generation an spinnen steigt aus.
sie halten ausschau. mit ihren kurzsichtigen achtfachen augen.
nach etwas. das unbeantwortet blieb

© Rea Revekka Poulharidou

dein fortsein

ich führe ein leben mit deinem fortsein. was wiederum nur eine andere form deines hierseins ist. dein zweites hiersein, also dein hiersein-in-deinem-fortsein, bestimmt einen teil meines aktiven lebens. in deinem fortsein, deinem hiersein-bei-mir, ist die ganze welt vergeistigt, beseelt. alle gedanken sind von dir umwoben. mehr als das, sie sind durchdrungen von dir

© Rea Revekka Poulharidou

feuer

ins feuer starren. mir ist, als entdeckte ich geheimnisse,
von denen keiner ahnte, dass es sie gibt. oder sehe ich nur,
was ich selbst erschaffe?

feuer sein. rein und klar. brennen.
liebe. verzehrt werden. vom feuer.

was wir sehen und was wir lieben. verschwindet. immer.
flammen gehen auf. berühren sich. verwandeln sich ineinander.

das beste feuer macht keinen rauch. und schenkt die größte hitze.
in flammen werden träume geboren.

jemand stochert im feuer. funken fliegen auf. springen in eine andere welt.
sie blicken zurück mit jemandes augen. den ich glaubte, verloren zu haben.

jemand, der mich nicht verloren hat

© Rea Revekka Poulharidou

rot

und plötzlich. male ich wieder. verbotene gedanken. den namen der sehnsucht. brennendes verlangen. glutrotes weiß.
ich durchtränke die leinwand mit meerwasser. tauche den pinsel in feuer. worte verglühen. silben hängen in der luft. zerfallen zu asche .. schsch .. sprich nicht weiter.

die augen geschlossen. als müssten wir sie schützen. als würden sie sonst vergehen. nur die sinne leiten uns. du öffnest die eine tür. blendendes rot.

meine hand sucht die vertrauten pfade deines körpers. namenlose, verschlungene wege. orte. geheimnisumrankt. schatten marmorgezeichnet, mondgewebte haut .. schsch .. frag nicht nach meinen namen.

berührung auf berührung. haut auf haut. atem auf atem. sag, es ist verboten. sag, es ist erlaubt. sag, rot .. schsch .. ich will dich kosten, deinen duft verführen. ich will die farbe deines geschmacks malen. granatapfelrot. feuer unter der zunge. dein atem mein rausch.

erlaube diese eine reise um deinen hals, dein kinn, um deine wangen, augen. lippengehaucht. erlaube mein flüstern. mein schweigen .. schsch .. still. ungezähmte küsse in blühenden gärten. lass uns gehen, weiter, weiter. bis die nachtluft brennt

© Rea Revekka Poulharidou

entschieden

es kam eine zeit und sie entschieden. wer du bist.

aber du selbst hast nicht entschieden.

deine handgelenke haben entschieden.

deine knie haben entschieden.

dein haar, das seine farbe verlieren wird, hat entschieden.

deine ohren, deine rebellischen ohren haben entschieden.

auch deine gedanken haben entschieden.

aber du. du selbst hast nicht entschieden. fühlst dich nach wie vor

wie ein fohlen, das danach sucht
welches bein wohin muss
um zu stehen

© Rea Revekka Poulharidou

poetin

sie schreibt in einem zimmer.
das zimmer ist nicht viel anders als das, in dem ich schreibe
oder du liest.
sie schreibt in ihr notizbuch.
etwas papier auf dem tisch.
das licht ist nicht an.
ihre gedichte?
ich werde sie nie kennen
obwohl es diejenigen sind, die ich am meisten brauche.
ihr stuhl. vielleicht aus stoff, leder, kunststoff oder holz.
lass sie alles haben, was sie braucht.
einen stuhl, gutes licht, einen tisch.
lass ein oder zwei geliebte menschen im zimmer nebenan sein.
gesund. die tür geschlossen.
lass sie zeit, ruhe und stille haben
genug papier, auch für die fehler
und lass sie dennoch weiter gehen

© Rea Revekka Poulharidou

ungeschrieben

am liebsten sind mir die ungeschriebenen gedichte. es ist ein empfinden, als wärst du verliebt. allein deine fantasie ist hier gefragt — ein lächeln, ein paar zufällige berührungen: ich lege mir ein tuch um, beuge mich zu dir herab. dicht. ganz dicht. bis ich den duft des gedichts rieche, den du in dieser hellen stille aus deinem haar schüttelst

© Rea Revekka Poulharidou

wer wir sind

als sähe ich durch die scheibe eines pfandhauses
auf etwas, das ich nicht zurück kaufen kann

so wie auf deinen namen
in diesem notizbuch

wir alle lassen etwas von uns zurück
in anderen zeiten

dämmerung verdrängt das licht
rauchwolken verschwinden

Heraklit sagte, die straße die nach oben führt
ist diejenige, die auch nach unten führt

du fragst wer ich bin
das fenster zeigt die spiegelung eines fremden

was für eine erleichterung, für kurze zeit
jemand anderer zu sein

was habe ich nicht gesagt?
tage gingen unerlaubt zu ende

ich erinnere mich daran
wie sich unsere schatten kreuzten

und der fluss? er tat das, was flüsse tun
seine herkunft verbergen

© Rea Revekka Poulharidou