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wahr

es ist wahr. die kürzeste strecke zwischen zwei punkten
ist nicht immer eine gerade linie. auch nicht zwischen uns

es ist wahr. unsere worte sind zu leicht
selbst die schwerkraft hält sie nicht am boden

wie sieht liebe aus?
ab und zu leuchtet sie auf. ein blitz

und hält doch das herz
in der brust

es ist wahr. wir bauen mauern
aus unseren ängsten

doch wir entscheiden auch, ob die liebe
davor bleibt oder herein kommt

es ist wahr. der wind verfängt sich in den bäumen
es ist wahr. unsere spuren holen uns ein

lesen den wasserstand. entscheiden, ob der wasserpegel sinkt
oder der fluss erneut das land überschwemmt

zeichen. wir können sie lesen
wie es uns beliebt

hier sind meine schuhe
angefüllt mit dem gestern heute morgen

meine silben sind luft
die sprache entschleiert

es ist wahr. in der wüste
ist dein atem dein traum

er bringt leben. wenn du entscheidest
alles zu lieben, was du erschaffst

© Rea Revekka Poulharidou

schaltsekunde

zeitungen berichten wissenschaftler haben
unserem leben erneut eine sekunde dazu addiert

wie viele solcher sekunden häuften sich bereits an?
was tun mit dieser ganzen zeit?

der regen schwemmt das trockene laub fort
fische steigen an die oberfläche. durchbrechen sie aber nicht

ein mann versucht mit einem netz
das reflektierte licht zu fangen

in dieser zeitung findest du alles womit du
die zusätzliche sekunde füllen könntest

aber nicht. wie sich die zeit manchmal versteckt
als sei sie im kokon einer seidenraupe eingewoben

es sind die besonderen momente in unserem täglichen leben
so unwirklich wie der aufgewirbelte wind in den kirschblüten

eingeschlossen in einer dieser extra sekunden

wie ein brief in der hand
wie ein kuss in einem wort
wie dein atem in meinem

© Rea Revekka Poulharidou

zehn menschen

zehn menschen - prosagedicht von Rea Revekka Poulharidou

zehn menschen

(München)

manchmal lasse ich meine gefühle im spiegel
zurück. damit sie der nächste sieht

der tod hat urlaub steht auf dem filmplakat
eine lüge. seine beißzange greift nach jedem

es gibt so viele wege zu sterben

jeder betet für etwas. wenn auch nur dafür
für nichts mehr beten zu müssen

die möwe über mir. beobachtet mich
als wolle sie etwas fragen

wir alle haben antworten auf fragen
für die uns die worte fehlen

vögel sangen gestern. die ganze nacht
für etwas. das wir bald zur seite legen

zehn menschen. erschossen

der wind weht verzweifelt durch das gras
bäume verlieren ihre rinde

schnecken verlassen ihr haus
und das herz. wandert aus

in eine undurchdringliche
wüste

© Rea Revekka Poulharidou

wer hört uns, wenn wir reden?

wie lange singt das rotkehlchen bereits
während ich darüber nachdenke
was du sagtest?

sein rufen kommt vom garten gegenüber
verwildert ist er schon seit jahren

der gesang wird zum ende hin langsamer. als sei
sein anfang zugleich der beginn eines verlusts

so oft erscheint vieles einfach und reicht doch nicht aus –
wir driften auseinander. zwei boote in derselben strömung

ich will glauben, dass immer jemand hört
solange wir reden.
nichts ist jemals zu ende

entfernung erkennen wir erst dann
wenn wir die hand ausstrecken
ob zum trost. ob aus liebe

so viele worte – dabei will ich nur eines sagen
ich bin hier. und

ich schreibe gegen den beginn des verlusts an
schreibe gegen das drohende schweigen an

indem ich das lied dieses unglaublichen vogels bemühe
nur um zu sagen, was es hieße. wenn wir gehen

© Rea Revekka Poulharidou

geheimnis

pflanzen unterhalten sich in einer geheimsprache, die wir nicht kennen
kolibris sehen rottöne, für die wir keine worte haben

vielleicht ist alles, was wir sagen oder sehen, nur ein hinweis auf etwas verborgenes

für milliarden an sternen haben wir keine namen
das universum dehnt sich aus. in einen raum, den wir nicht kennen

vielleicht gibt es worte, die nur darauf warten, dies allem eine stimme zu geben

unsere welt wurde zur hälfte von menschen geschaffen, die uns kennen
doch in uns gibt es eine andere welt. und darin weitere welten. dort sind wir unterwegs

dieses geheimnis verstehen, heißt das geheimnis der sonnenblume verstehen
wie sie das morgenlicht kennt und dennoch den kopf weiter reckt. dem weg zur sonne folgt

das leben – als sei es ein schwebender stern zwischen zwei welten

daher leben liebende wortlos. in jedem atemzug des anderen
daher reden sie jeden moment miteinander. in ihrer stille

das ist das geheimnis

male deine eigenen ziffern auf die uhr
lass deinen stern zwischen den gärten des mondes und denen der sonne schweben

als seien sie die worte, die du nie sprachst
aber schon immer hörtest

© Rea Revekka Poulharidou

wolken

wolken

über nacht zogen die wolken weitere zwanzig meter näher
so wie sie es jede nacht tun
seit acht wochen

sie sind jetzt kaum einen steinwurf entfernt

sie beugen sich über uns
gesichter, als lägen sie
hinter rauch

gedanken eines verwirrten geistes sehen so aus

sag mir. dass sie nichts gegen uns haben
dass sie aus reiner neugierde kommen
nur um nochmal nachzusehen. ob wir
füreinander geschaffen sind

wenn dem so ist. warum öffnen sich die türen so schwer
als lehnte sich jemandes traurigkeit dagegen?
warum verdunkeln sich die fenster und
beugen sich die bäume. wenn
der wind nicht weht?

das gelegentliche donnern kommt von einem flugzeug

– ich erinnere mich an eine zeit
in der ich dir das geglaubt hätte

aber die dunkelheit hält bereits zu
lange an. und immer wieder denke ich
dass es bald keinen grund mehr gibt
an diesem ort zu bleiben

wo die erde wasser ist
und es so schwer ist
etwas zu finden. um

mich daran fest zu halten

© Rea Revekka Poulharidou

resonanz

sonnenuntergang. lodernde hieroglyphen auf dem wasser.
der mond enzündet lichtpunkte in deinen augen.

eine windböe windet sich um bäume und straßenlaternen.
meine stimme. ausgehöhlt von einer unsagbaren einsamkeit.

wetterleuchten. blitze bahnen sich durch die nacht.
was ich liebe nenne flackert wie eine kaputte neonröhre.

immer mehr dieser dinge leuchten auf.
resonanz nennen es die wissenschaftler.

resonanz. das mitschwingen einer saite.
wenn ein gleichgestimmtes instrument ertönt.

ein flugzeug durchbricht die schallmauer. das echo eines kuckucks im wald.
und mich schaudert bei dem gedanken. an ein leben ohne dich.

ein schiff verschwindet in der ferne. sein kielwasser
durchzieht noch immer das wasser.

vielleicht ist gefühl aus resonanz beschaffen.
phantomschmerzen plagen meine liebe.

das wetterleuchten hat aufgehört.
der wind lehnt sich an einen ast.

ich sehe kleine details.
ein rosenblatt ein rotweinglas einen briefumschlag.

ich stelle mir vor. wie die zeit vergeht
bis es eines tages heute ist, bis es

jetzt ist und du mich
wortlos berührst

© Rea Revekka Poulharidou

halt mich

nimm meine hand. halt mich
ich werde dir alles erzählen. nichts verheimlichen
lern mich kennen. ich erzähle dir. alles

ich denke gerade an weiße segel unter einem himmel aus musik
kreisende möwen. ein arm um mich. um dich

lern mich kennen. alles. von mir
ich mag kerzen am abend. leise gedichte
ich mag das licht. hinter den wolken
angst hatte ich. in meinem leben

ich möchte dir nahe sein. die augenblicke meines tages. in die sekunden deines tages weben

gestern war ich auf einer belebten straße
morgensonne. viele menschen
keiner sprach

nimm meine hand. halt mich
sag ein wort

© Rea Revekka Poulharidou

notiz

deine berührung schwebt
noch immer über dem ufer

jede welle trägt vergangenes heran.
die wahrheit ist noch immer da. mit ihren versteckten klippen.

heute rasten unsere stimmen auf den bäumen
alles wurde zum echo. oder schatten

dein schatten steht auf der anderen straßenseite
dein schatten sitzt im vorbei fahrenden auto
deine worte fließen zum schatten
der meinen ersetzte

wohin gingen wir. wie kamen wir hierher?
vergangenes wühlt in mir. alte wahrheiten fallen von den ästen.

manchmal denke ich. auch die seele ist ein schatten
sogar die schwerkraft berührt ihn nicht

und liebe. liebe ist, was im spiegel geschieht
während wir nicht hinsehen

© Rea Revekka Poulharidou

treibholz-gedanken

niemand sieht das, was der andere sieht.
es ist wie mit einem stück treibholz, das du aufhebst. es aber keines ist.

irgendwann standen wir an zwei sich gegenüber liegenden küsten.
du dort ich hier. wie kamst du dorthin. wie ich hierher? ich weiß es nicht mehr.

erinnern kann ich mich, dass leid und schmerz zwischen uns trieben.
das herz ist von solchen linien durchpflügt.

ob treibholz etwas symbolisiert?
nein. das tut es nicht.

in kürze geht der mond auf. wie immer.
der himmel streut dann ein paar sterne aus.

grillen werden zirpen. in einer sprache.
die keiner versteht.

es gibt einen unterschied
zwischen dem klang des mondes und dem der sonne

den meisten ist das egal
sie hören nur das hörbare

was ich dir sagen will
das ist ein liebesgedicht

wenn du es
siehst

© Rea Revekka Poulharidou