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nachtnotizen

meine nachtnotizen
ein almanach der späten stunden

Ikarus fiel. vor langer zeit
die sonne im rücken

hinter dem berg
kaum licht. das blatt
nicht zu sehen. nicht wirklich

weniger noch die vorstellung
wie es geschehen sein könnte

der blasse junge
am heißen wachs verbrannt
vom wind gekühlt

das wasser. wie aus dem nichts
so willkommen. eine plötzliche
ohnmacht

so viele leben seitdem
alle ähneln einander
alles lichtfänger

himmels-
stürmer

© Rea Revekka Poulharidou

weg

der weg einwärts ist immer länger
als der weg auswärts. auch wenn es
derselbe ist

ich möchte einen alten weg finden
einen weg des alten jahrhunderts
überwachsen & kaum erkennbar

ich will ihn im süden haben
einen mauleselpfad
in den bergen

oleander
wilde früchte
thymian überall

olivenbäume
auf dem weg

warmes licht lobeerbüsche
klatschmohn

der pfad führt bergab
ich folge ihm

er führt hinab &
verschwindet

ich folge
ihm

© Rea Revekka Poulharidou

beginn & ende

warm & mild ist der abend
majestätische wolken
auf blauen thronen

vorbehaltlos schlängelt sich
der fluss unter der
brücke

es ist eine gnade
betrachter dieser
szenerie zu sein

gleich mich mit diesen worten aus

sagte ich sie je zuvor?
genauso sagte ich sie.
sagte sie.

werde ich sie je wieder sagen?
wer weiß, was der kummer
in unser herz schnippt

ich schrieb über den vollmond
halbmond viertelmond
neumond

heute ist wieder vollmond &
ich werde ihn nicht betrachten

alles hat ein ende
& einen beginn

bring das gleichgewicht zurück Herr
schick es zurück
an den beginn

© Rea Revekka Poulharidou

abend am meer

das meer war seit langem nicht so still
fünf möwen fliegen lautlos
in die weite

das wasser ihr spiegel

die sonne untergegangen
das wasser zieht sich zurück
nur wolken türmen sich auf

das meer schweigt

wolkenschatten liegen auf der oberfläche
durch den vorhang der szenerie glimmt es golden –
plötzlich der abendstern

eine schwebende fackel

es ist als sei diese vorstellung nicht für uns
als sei sie nur eine probe hinter dem vorhang
für eine andere zeit

für ein anderes publikum

© Rea Revekka Poulharidou