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14.01.2016: Leseabend – Das Eigene und das Fremde

by Rea Revekka Poulharidou

Das Eigene und das FremdeBeim Signatur-Textabend am Donnerstag, den 14. Januar um 19.30 Uhr in der Volksbank Tettnang (Lindauer Straße 6) geht es um „Das Eigene und das Fremde“.

Dabei sogleich an die Flüchtlingssituation zu denken, liegt zwar nahe, greift hier jedoch zu kurz: Gerade um die derzeitige Fokussierung auf das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen oder von Not und Asyl oder Armut und Reichtum aufzubrechen und auszuweiten, haben sich die sechs lesenden Autoren stark mit ganz anderen Aspekten auseinandergesetzt.

Gut, bei Lorenz Göser mit seiner langen Auslandserfahrung darf man wohl „irgendwie was Afghanisches“ erwarten und die Signatur-Preisträgerin Rea Revekka Poulharidou greift in ihrer Erzählung „Eléni – Heimat im Herzen. Eine deutsch-griechische Geschichte„, gewiss auch über Friedrichshafen hinaus. Aber Ingrid Koch reicht für „das Eigene und das Fremde“ eine nächstliegende und ganz persönliche, hautnahe Erfahrung mit sich selbst völlig aus – und wird gerade deshalb verblüffen.

Auch Signatur-Preisträgerin Roswitha Stumpp, die viele von ihren subtilen Zeitungsglossen kennen, braucht für das Fremde kein Ausland – schon eine kleine Ortsveränderung im Gäu genügt ihr für eine nachdenkliche Geschichte. Rolf Maier, ebenfalls Signatur-Preisträger (Wangen) wird von einem jungen Mann im sommerlichen Florenz erzählen, dem das Eigene fremd ist, bis er im ganz Fremden das entdeckt, wonach er immer schon gesucht hat.

Hajo Fickus von der Wangener Theatergruppe „Kiesel“, bannt sein Publikum durch seine äußerst lebendige Vortragsweise. Diesmal wird er diese Kunst beim Heimischwerden in einer anderen Stadt entfalten, in einem eigenwilligen Beitrag zur Flüchtlingsproblematik und in einem Gedicht über Essen und Worte.

Die sehr unterschiedlichen Herangehensweisen der Signatur-Mitglieder und Preisträger wird das aktuelle, aber eben auch weite Spektrum des Themas zwar nicht erschöpfend behandeln können, wohl aber immer wieder auf andere Art berühren, nachdenklich machen und so manches miterleben lassen.

Signatur und die Volksbank Tettnang laden also ein, das neue Jahr sogleich mit einem kurzweiligen, vielfältigen und anregenden Abend über „Das Eigene und das Fremde“ schön zu beginnen. Und dazu trägt auch die Musikwerkstatt Tettnang bei.

Der Eintritt ist frei, jedoch wird um Anmeldung bis zum 12. Januar 2016 unter der Telefonnummer 07542 /989 500 in der Volksbank Tettnang gebeten.

Weitere Informationen: www.signatur-literatur.de

beim hören der Goldberg Variationen

nachdem wir uns
angeregt unterhalten hatten

hörten wir. klänge sich berühren
hörten wir. eis von den zweigspitzen tropfen

die klänge verschwanden so schnell wie sie kamen
sie waren das ungegessene mahl. die unsagbare
nähe. die unausgesprochene wahrheit

alles. was du mir bist

als die musik erneut erklang
später am tag. sah ich tränen
in deinen augen

du drehtest dich zur seite

wie viel haben nur zwei menschen
aufzugeben. wenn sie sich nahe
kommen möchten?

vögel bauen aus feinen zweigen
kunstvolle nester

anders als die vögel
müssen wir sie aufgeben. unsere sehnsucht
nach dem perfekten

unser nest wird nie richtig rund sein

du und ich. wir sollten dennoch
eines bauen. für uns zwei
unperfekte vögel

© Rea Revekka Poulharidou

wolken

wolken

über nacht zogen die wolken weitere zwanzig meter näher
so wie sie es jede nacht tun
seit acht wochen

sie sind jetzt kaum einen steinwurf entfernt

sie beugen sich über uns
gesichter, als lägen sie
hinter rauch

gedanken eines verwirrten geistes sehen so aus

sag mir. dass sie nichts gegen uns haben
dass sie aus reiner neugierde kommen
nur um nochmal nachzusehen. ob wir
füreinander geschaffen sind

wenn dem so ist. warum öffnen sich die türen so schwer
als lehnte sich jemandes traurigkeit dagegen?
warum verdunkeln sich die fenster und
beugen sich die bäume. wenn
der wind nicht weht?

das gelegentliche donnern kommt von einem flugzeug

– ich erinnere mich an eine zeit
in der ich dir das geglaubt hätte

aber die dunkelheit hält bereits zu
lange an. und immer wieder denke ich
dass es bald keinen grund mehr gibt
an diesem ort zu bleiben

wo die erde wasser ist
und es so schwer ist
etwas zu finden. um

mich daran fest zu halten

© Rea Revekka Poulharidou

resonanz

sonnenuntergang. lodernde hieroglyphen auf dem wasser.
der mond enzündet lichtpunkte in deinen augen.

eine windböe windet sich um bäume und straßenlaternen.
meine stimme. ausgehöhlt von einer unsagbaren einsamkeit.

wetterleuchten. blitze bahnen sich durch die nacht.
was ich liebe nenne flackert wie eine kaputte neonröhre.

immer mehr dieser dinge leuchten auf.
resonanz nennen es die wissenschaftler.

resonanz. das mitschwingen einer saite.
wenn ein gleichgestimmtes instrument ertönt.

ein flugzeug durchbricht die schallmauer. das echo eines kuckucks im wald.
und mich schaudert bei dem gedanken. an ein leben ohne dich.

ein schiff verschwindet in der ferne. sein kielwasser
durchzieht noch immer das wasser.

vielleicht ist gefühl aus resonanz beschaffen.
phantomschmerzen plagen meine liebe.

das wetterleuchten hat aufgehört.
der wind lehnt sich an einen ast.

ich sehe kleine details.
ein rosenblatt ein rotweinglas einen briefumschlag.

ich stelle mir vor. wie die zeit vergeht
bis es eines tages heute ist, bis es

jetzt ist und du mich
wortlos berührst

© Rea Revekka Poulharidou